Tier und Mensch

 

Ich habe von der Fondation Barry, du Grand-St.-Bernard, Martigny, eine Broschüre, mit beigelegtem Einzahlungsschein, von der Zuchtstätte der Bernardinerhunde zugeschickt bekommen. Der Alltag der Tiere wird beschrieben, ihre Aufgaben, ihre Repräsentationspflichten der Schweiz gegenüber und vieles mehr. Liebevoll wird über die Tiere geschrieben, umso erstaunter lese ich einen Satz:

  

„Denn da dürfen wir uns nichts vormachen – Hunde sind nicht dazu geboren, sich dem Menschen zu unterwerfen. Sie müssen es erst lernen.“

 

Es ist eine Aussage, die mich sehr traurig stimmt. Mir ist sehr wohl bewusst, dass in der Hundeerziehung sehr viel Wert darauf gelegt wird. Mehr noch, dass das Unterwerfen des Hundes die Grundlage bildet, auf der die ganze Hundeerziehung aufgebaut wird. (Mit der Erklärung, der Hund ist ein Rudeltier, nur einer kann das Rudel anführen etc.) Solange wir diesen Ausdruck Unterwerfung brauchen, unabhängig ob er auf Mensch oder Tier angewendet wird, solange bleiben wir gefangen in Machtspielen, solange haben wir das Prinzip der Schöpfung nicht verstanden: Jedes Lebewesen hat den Anspruch auf Wertschätzung. Im Gegensatz zum Menschen geniessen im Rudel alle Tiere die Wertschätzung des andern, keines ist weniger Wert, aber sie anerkennen ganz klar die Führungsposition des Leittieres.

 

Bleiben wir beim Thema Tiere. Tiere, die mit den Menschen zusammenleben, sind meist auf sie angewiesen. Ich denke da an Nutztiere, ein Ausdruck, der mir sehr widerstrebt, der andererseits aber ganz klar den Wert der Tiere für den Menschen aufzeigt. Die Aussage ist unmissverständlich. Tiere werden vom Menschen benutzt, sie sind ihm untergeordnet, er braucht sie für seine Zwecke. Zum grössten Teil sind sie ein wesentlicher Bestandteil in der Nahrungsmittelkette. Da die Tiere für die Menschen einen grossen Nutzen haben, könnte man sie wenigstens etwas würdevoller behandeln. Sie unterwerfen sich selbst, indem sie sich den Menschen als eben sog. Nutztiere und als Nahrungsmittel zur Verfügung stellen. Sie könnten theoretisch den Menschen im Stich lassen und nicht mehr inkarnieren!

 

Tiere, die vom Aussterben bedroht sind, machen letztlich nichts anderes, als dass sie nicht mehr in ihrer Gattung inkarnieren. Gründe dafür gibt’s viele: Die Lebensumstände werden für sie immer beschwerlicher, der Mensch hat ihren Lebensraum zerstört, sie werden gejagt und ausgerottet etc. Wenn eine Tierart als „vom Aussterben bedroht“ klassifiziert wird, geht ein Aufbäumen durch die Menschen und sie wollen sie gewaltsam retten. Naturpärke entstehen, um die Tiere besser schützen zu können oder man steckt die letzten Exemplare in Zoos und versucht sie zur Vermehrung anzuhalten. Der Nachwuchs soll wenigstens in Gefangenschaft überleben und von den Menschen bewundert und bestaunt werden können. Aus Sicht der Tiere wird dieses Leben wenig reizvoll sein und grundsätzlich wird es sie nicht dazu animieren, wieder fleissig den Planeten Erde zu bevölkern. Es bleiben also verzweifelte Versuche einiger Organisationen, eine Entwicklung aufzuhalten, die nicht aufgehalten werden kann. Natur- und Tierschützer arbeiten wie wahnsinnig, um das Ungleichgewicht der Welt wieder einigermassen in ein Gleichgewicht umzuwandeln. Es braucht andere Denkansätze und diese von allen Erdenbewohnern und nicht nur von Gruppierungen.

 

Interessant ist, dass die bedrohten Tierarten immer Tiere sind, die ohne den Menschen auskommen. Seien dies zum Beispiel Schmetterlinge, Vögel oder wildlebende Säugetiere.

 

Auch die Tiere brauchen letztlich den Menschen und das Miteinander mit ihm für ihre eigene Entwicklung. Wir könnten die Kompetenzen aufteilen: Die Menschen sind besorgt für die Natur und den Erhalt von natürlichen Lebensräumen und die Tiere dürfen selbst über ihren Verbleib auf dem Planeten Erde entscheiden.

 

Kommen wir zurück zu den Nutztieren. Sie nehmen ihr Schicksal auf sich, leiden stumm und werden meist als unbeseelte Wesen betrachtet und auch dementsprechend behandelt. Ihre Unterwerfung dauert so lange an, bis den Menschen bewusst wird, dass jedes Lebewesen ein Recht auf Achtung und Würde hat. Deshalb gehen die Tiere den Weg mit den Menschen. Ihre Geduld hilft ihnen, ihr eigenes Schicksal zu tragen. Ihr Bewusstsein hilft ihnen, den schweren Weg mit den Menschen zu gehen, denn ohne die Tiere, kann der Mensch seine Bewusstseinsschritte nicht machen. An ihnen darf er wachsen und durch die Tiere kann er irgendwann die Schöpfung verstehen.

 

Noch ein paar Gedanken zu unseren Haustieren, zu den Hunden, Katzen, Meerschweinchen und so weiter. Sie leben mit den Menschen zusammen und sind auf sie angewiesen. (Katzen bestimmt weniger als Hunde) Voller Vertrauen begeben sie sich in des Menschen Obhut. Der Mensch darf das Tier begleiten, es anleiten, ihm Dinge beibringen, immer in Liebe. Er braucht sich nicht über das Tier zu stellen, er braucht seine Macht nicht auszuspielen. Indem er das Tier als gleichwertigen Begleiter ansieht, als einen Begleiter, der mit ihm ein Stück seines Lebensweges zusammengeht, übernimmt er die Verantwortung für das Wohl des Tieres und gleichzeitig für die Mensch-Tier-Beziehung.

 

Der Mensch gibt Liebe und bekommt gleichzeitig viel Liebe zurück. Wenn das Tier aus persönlichen Gründen keine Liebe zurückgeben kann, dann hat es das Recht Liebe und Aufmerksamkeit zu bekommen - ohne Gegenleistung. Der Mensch, der ein Tier hat und von diesem keine Liebe, keine Regung, kein Zeichen von Wertschätzung zurückbekommt, der hat eine spezielle Aufgabe gefasst: er darf lernen, Liebe zu geben, - bedingungslos.

 

In der Liebe zu einem Tier, und um das Thema abzuschliessen, zu einem Hund, brauchen wir nicht die Unterwerfung des Hundes. Unterwürfige Hunde sind für mich ein Gräuel, sie sagen mehr über den Besitzer aus, als dieser ahnt! In dem Gefühl von Gleichwertigkeit und Liebe für das Tier können wir den Hund genau so gut führen und leiten. Jeder Hund wills seinem Menschenfreund Recht machen, vergessen wir das nicht. Der Mensch darf das Tier führen, das Tier soll auch wissen, dass sein Mensch es führt. Ein Tier, das geschädigt ist, vielleicht ein Trauma erlebt hat, ist selbstverständlich eine grosse Herausforderung für seinen Menschenfreund. Unterwerfung oder den Willen brechen, wie man oft hört, sind nie Methoden, die zu einer beidseitigen befriedigenden Lösung führen. Das Tier soll weder Opfer noch Täter sein: Es soll nicht über seinen Menschen bestimmen und ihn herumschikanieren, gleichzeitig hat es das Recht, dass auch es nicht unterdrückt und schikaniert wird.

 

Beglückend für beide Seiten ist eine Haltung von Achtung, Wertschätzung und Liebe.

 

 

Mengiarda Darms, im Februar 2010

 

 

 

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